Reiseanekdoten 1 September 2020

Reiseerinnerungen oder Heuschnupfenschnecken statt Sternschnuppen: der Beginn einer Reihe.

In Zeiten von Korona muss ich nun Nagelfeilen und Shampoo selbst kaufen, da keine Geschäftsreisen mehr anstehen, wo ich meinen Vorrat mit den Gratispäckchen in den Hotelzimmern aufgefüllt habe. Ansonsten sind Reiseerinnerungen in neuen Licht zu sehen.
Die Geschichten eines handlungsreisenden, kleinen Bären, der als mein treuer Begleiter mit mir geschäftlich um die Welt zog. Ein kleiner Plüschbär, gerade Handteller groß, der ein Herz mit dem Schriftzug ›I love you‹ in der Hand hält, ein Geschenk meiner Frau.
Dieser Text berichtet die Anekdoten, die ich in ungefähr fünfzehn Jahren erlebt habe, während der Teddy im jeweiligen Hotelzimmer auf meine Rückkehr wartete, um im Aktenkoffer den Rückflug anzutreten.
Je öfter ich diese Erlebnisse erzählte, um so mehr unterlagen sie der Ausschmückung, das Entstehen der Anekdoten verdichtete sich zum privaten Mythos: Ach, es waren fünfundzwanzig Jahre und mehr!
Eine Art Familienmythos mag jeder kennen. Hier beschränke ich mich auf die reine Wahrheit, so wahr mir Pegasus helfe. Selbstverständlich kann ich für die korrekte chronologische Reihenfolge in keiner Weise bürgen.

Taipeh

Hollywoodproduktionen mit globalem Anspruch, und das sind die meisten, geben ihre Asienpremiere oft auf einem Filmfestival in Taiwans Hauptstadt. Wir, mein chinesischer Marketing-Kollege, der mir zwecks Verständigung und Orientierung zur Seite gestellt war, und ich, klapperten den ganzen Tag Kunden ab. Eine anstrengende Aneinanderreihung von Taxifahrten und Besprechungen bei 30 Grad Celcius und 85 Prozent Luftfeuchtigkeit, ein Temperaturzyklus aus Klimaanlagen und Tropen. Mein Helfer lebte viele Jahre in Europa und USA, und kinobegeistert wie er war, lud er mich zum Dank abends in eine Filmbar ein. Nach einer (oder zwei?) Flasche(n) Wein, um einem Klimaanlagenschnupfen vorzubeugen, bemerkten wir, dass in dieser Bar unweit des 101-Wolkenkratzers, der Petersen-Film ›Troja‹ seine just erfolgte chinesischsprachige Premiere feierte. Ohne Sexismus, der damals noch salonfähig war, muss ich doch sagen, es schwappten gerade zu Wellen hübscher junger Mädchen in Richtung unseres Tisches. Gespannte Erwartung unsererseits im Geraschel kurzer Röcke, die wie Schirme in Rot, Blau und Grün mit schlanken schwarzbestrumpften Beinen als Stil und Griffen aus High Heels unseren tiefer liegenden Sitzplatz passierten. Doch hinter der großen Eckbar, die das Geschehen in einem separaten Bereich vor unserer Neugier verbarg, galt begrenzter Zugang .
Bei der nächsten Flasche Wein scheiterte ich beim Nachschenken, Jetlag, und mehr. Mein Anzug hatte zum Glück eine weinrot-dunkle Grundfarbe, weshalb mir das Reinigen auf der Toilette leicht fiel. Ich bewunderte die marmornen Wände, die goldenen Wasserhähne, und beim Händewaschen die semitransparenten Kippspiegel, welche die Waschbecken von den gegenüberliegenden abtrennten.
Da erblickte ich das mir bekannte Gesicht des Hauptdarstellers. Ich lächelte Patt Brid an, falls ich den Namen korrekt entsinne, und unterdrückte den Impuls ihn anzusprechen. Gut so, ich kann mir Namen einfach schlecht merken. Nach einer kurzen Verzögerung, überlegend ob ich nun ein Autogramm einfordern sollte, verwarf ich den  peinlichen Gedanken. Ich meine, im Augenwinkel ein Lächeln der Erleichterung des Schauspielers erkannt zu haben, als ich mich zum Händetrocknen abwendete.